Die Briefkastenfirmen

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Die Briefkastenfirmen

Die Errichtung von Briefkastenfirmen (offshore shell corporation) bietet für die internationalen Finanzbetrüger viele Vorteile. Die Gründung ist eine Angelegenheit von Tagen, die Gebühren sind gering, Haftungskapital ist nicht erforderlich, der wahre Eigentümer (principal) kann sich hinter Strohmännern verstecken. Außerdem ist der Verwaltungsaufwand gering, Steuerfreiheit wird verbürgt, und hochtrabende Firmenbezeichnungen, wie „Universal“, „Worldwide“, „National“, „First American“, werden anstandslos eingetragen. Beliebte Firmengründungsparadiese sind die British Virgin Islands, Panama, Turks & Caicos Islands, Delaware (USA), Liechtenstein ect. Die Gründungskosten betragen maximal USD 4.000,00. In den Kosten sind die im ersten Jahr fälligen Honorare für die Strohmänner und für die Verwaltung bereits enthalten. Briefkastenfirmen bieten dem Finanzbetrüger zusätzlich den Vorteil, dass er - zumindest am Papier - große Geschäfte vortäuschen kann. Es bedarf aufwändiger Recherchen um festzustellen, ob ein Konglomerat von Offfshore-Firmen einen realen Hintergrund hat oder nicht. Man darf nicht vergessen, dass über diese Firmen weltweit riesige Geschäfte abgewickelt werden, hauptsächlich um Steuern zu sparen bzw. zu hinterziehen. Als besonders „wasserdicht“ werden Firmen in Panama gepriesen. Das bedeutet, dass der wahre Eigentümer der Firma nicht eruiert werden kann. In Panama können Firmen in der Rechtsform einer „Ltd“, „S.A.“, „Inc.“, „Corp“ und angeblich auch „AG“ mit Firmenwortlaut in deutscher Sprache erworben werden. Solche Firmen werden in Europa durch ein „Repräsentationsbüro“ (representative office) vertreten. In fast allen Fällen ist das Büro in einem „Business Service“ angesiedelt, wo lediglich die Post und die eingehenden Faxe ungeleitet und Telefonate entgegengenommen werden. Selbstverständlich sind viele dieser Dienstleistungsbetriebe an Prestige-Adressen, z.B. New York, Fifth Avenue, Zürich, Bahnhofstraße, zu finden. Manche dieser mietbaren Geschäftsadressen bieten sogar einen für den Anrufer selbst nicht erkennbaren Telefon-Umleitungsdienst. Diese Einrichtungen haben den Vorteil, dass der Betreiber der Briefkastenfirma seinen wahren Aufenthaltsort nicht zu erkennen geben braucht. Die Offshore-Firma kann natürlich auch bei einem Treuhänder angesiedelt sein. Diese finanziell aufwändige Lösung wird bei einem umfangreichen und komplexen Geschäftsbetrieb bevorzugt. Vereinzelt werden auch Briefkasten-Versicherungen und -Leasinggesellschaften beobachtet.

Die Unterlagen der Finanzbetrüger

Die schriftlichen Unterlagen der internationalen Finanzbetrüger sind durchwegs sehr umfangreich und kompliziert. Oft scheinen auf dem Geschäftspapier Briefkastenfirmen mit mehreren Repräsentationsbüros in verschiedenen Ländern auf. Nicht selten ist der Bezug zu einer internationalen Firmengruppe gegeben, die als Mutterfirma agiert. In den vorgelegten Angeboten sind häufig aufwendig gestaltete notarielle Beglaubigungen von Unterschriften enthalten. Für den Finanzbetrüger stellt der Vertrag ein wichtiges Instrument dar. Die pseudorechtliche Absicherung der Täter und die Täuschung der zukünftigen Opfer werden darin raffiniert verpackt. Der Vertrag selbst ist in kompliziertem „Legal English“ verfasst und hat einen Umfang bis zu 20 Seiten. Das undurchsichtige Vertragswerk soll auch als Schutz für die Betrüger selbst dienen. Der Sinn und Zweck dieser komplizierten Verträge liegt darin, dass im Falle einer Anzeigeerstattung die Strafverfolgungsbehörden den Geschädigten oft nur auf den kostspieligen Zivilrechtsweg verweisen. Den Inhalt betreffend weisen die verschiedenen Verträge frappierende Parallelen auf. Das ist ein deutlicher Hinweis auf einige wenige professionelle Vertragsverfasser. Ein Kriminalbeamter von Scotland Yard hat den Inhalt eines solchen Kontraktes als „difficult to read and impossible to comprehend“ bezeichnet. Werden diese Verträge in die deutsche Sprache übersetzt, so bleibt der Inhalt noch immer verschleiert. Trotzdem werden diese „agreements“ immer wieder unterschrieben, sogar von Kaufleuten im Beisein ihrer Rechtsanwälte. Wir stehen hier einem typisch menschlichen Phänomen gegenüber: niemand will eingestehen, dass er einen Sachverhalt nicht versteht. Diese doch so menschliche Schwäche wird von den Betrügern skrupellos ausgenützt. In den Verträgen und sonstigen Unterlagen der Finanzbetrüger seinen neben der typisch anglo - amerikanischen Rechtssprache zusätzlich noch frei erfundene Begriffe auf (siehe Anhang). Die Sicherheitsabteilung einer großen US-Bank hat vor kurzem ein Verzeichnis dieser bankenunüblichen Phantasieausdrücke herausgegeben. Mit diesem Raster können nun weltweit die Unterlagen der Finanzbetrüger von jedem Bankbeamten schnell identifiziert werden. In den meisten Fällen machen die Finanzbetrüger schriftliche Angebote. Seit Jahren sind einige Offerten sogar in deutscher Sprache abgefasst. Es ist auch üblich, dass diese Betrüger einen Großteil des Schriftverkehrs mit speziell vorgefertigten Formularen abwickeln, dadurch soll die Professionalität eines seriösen Geschäftsbetriebes vorgetäuscht werden. Außerdem bedeutet dies eine Erleichterung bei der Einschaltung von Treuhändern und den zahlreich agierenden Vermittlern. Immer wieder finden sich in den Verträgen so genannte „Quellenschutz-Vereinbarungen“, wie z. B. Umgehungsvereinbarungen (circumvention) und / oder Bekanntgebungs-, Mitteilungs- Vereinbarung.(non disclosure and non circumvention agreement), die sicherstellen sollen, dass das zukünftige Opfer keine Geldquellen bzw. Vermittler an Dritte bekannt gibt. Bei Vertragsbruch sind strenge Konventionalstrafen, ab USD 250.00,00, vorgesehen. In Wirklichkeit hat diese Vertragsklausel, wie der gesamte Vertrag überhaupt, den Zweck, den Vertragspartner abzulenken. Er verliert sich in Einzelheiten und unverständlichen Klauseln; so kommt er überhaupt nicht auf die Idee, zu fragen, ob das angebotene Grundgeschäft, z. B. Handel mit Bankgarantien oder Goldzertifikaten, grundsätzlich möglich ist. Wie erwähnt, wird der Finanzbetrug auch auf dem Korrespondenzweg abgewickelt, d. h., es findet nie ein persönliches Treffen zwischen dem Betrüger und dem zukünftig Geschädigten statt. Die Täter operieren von mietbaren Geschäftsadressen in Manila, Bangkok oder z. B. auch von Frankfurt aus, wie das folgende Beispiel zeigt. Große Aufmerksamkeit erregte die raffinierte Vorgangsweise von vermutlich nigerianischen Betrügern: Eine in Delaware (Firmengründungsparadies in den USA) eingetragene Leasinggesellschaft mit ähnlichem Firmenwortlaut wie eine japanische Großbank inserierte anfangs 1994  in russischen Ausgaben der „Financial Times“ und bot günstige Leasingfinanzierungen für Importe an. Als Adresse wurde ein Frankfurter Business-Service angeführt. Verständlicherweise reagierten zahlreiche Firmen in den GUS-Staaten auf dieses verlockende Angebot. Die gesamte Geschäftskorrespondenz sowie der Abschluss der Verträge wurden per Fax abgewickelt. In diesem Exportleasinggeschäft sollte die angebliche japanische Leasingfirma die Importware aus dem Westen kaufen und an die entsprechende Firma im GUS-Bereich verleasen. Eine Vertragsbedingung dieser langfristigen Leasingfinanzierung beinhaltete die Überweisung der ersten Leasingrate durch den Importeur. Eine Bonitätsprüfung oder eine Inspektion der GUS-Firma durch Beauftragte der Leasingfirma waren nicht vorgesehen. Die überaus günstigen Konditionen der Finanzierung waren nicht marktüblich. Die Importeure aus dem Osten baten daraufhin die westlichen Exporteure um Bezahlung der ersten Leasingrate, was in einigen Fällen auch geschah. Beträge um die USD 50.000,00 wurden weisungsgemäß an einen Treuhänder in die Schweiz überwiesen. Letzterer leitete das Geld dem Auftrag entsprechend an die Initiatoren der Leasingfirma weiter. Die versprochene Finanzierung wurde natürlich nie realisiert. In den Unterlagen der Finanzierungsfirma schien ein spezielles Verzeichnis auf, in die eine große Zahl von Direktoren, Aufsichtsräten etc. namentlich angeführt waren. Nachweislich war jedoch kein einziger der erscheinenden japanischen und englischen Namen in der Finanzwelt bekannt! Seit Jahren wird beobachtet, dass Offshore-Firmen mit japanisch klingendem Wortlaut in einschlägigen Kreisen sehr beliebt sind. Der Finanzriese Japan strahlt offensichtlich Seriosität, Finanzkraft und Sicherheit aus.