Der Kreditvermittlungsbetrug

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Der Kreditvermittlungsbetrug

Schon die Bezeichnung „Vermittlungsbetrug“ ist ungenau und irreführend. Wesentlich aussagekräftiger ist der englischsprachige Begriff „advance fee fraud“, also der Betrug durch Vorausgebühren. Im Grunde genommen verlangt der Kriminelle bei dieser Betrugsart eine Vorausleistung für die Vermittlung eines gewinnträchtigen Geschäftes, z. B. eines günstigen Kredites. Der Betrüger ist natürlich nicht fähig oder willens, das versprochene Geschäft zu realisieren. In der einfachsten Form des Kredit-Vermittlungsbetruges stellt der Betrüger die Vermittlung eines Kredites bzw. einer Leasingfinanzierung in Aussicht und verlangt dafür im Voraus eine Kaution, Spesenersatz etc. Der Spesensatz wird mit den Aufwendungen für Schätzung, die Einholung von Auskünften, Reisekosten und ähnlichem begründet. Einige Zeit später teilt der Betrüger dem Kreditwerber mit, dass der Kredit „leider“ abgelehnt wurde. Dabei drängt er den Geschädigten sofort in die Defensive, indem er ihn für die Ablehnung des Kredites selbst verantwortlich macht: mangelnde Bonität, unrichtige Selbstauskunft etc. Der Schaden beläuft sich im Einzelfall um die EUR 7.500,00.. Die Welle des Vermittlungsbetruges, die seit den fünfziger Jahren vorwiegend in den anglo-amerikanischen Ländern ihre Opfer forderte, verbreitete sich in den letzten Jahren epidemieartig über ganz Europa. Zuerst spielte sich der Vermittlungsbetrug sozusagen im Verborgenen ab. Die zukünftigen Opfer wurden durch „finder“ und fallweise durch Anzeigen in international erscheinenden Tageszeitungen aquiriert. Heute hat sich diese Betrugsart zu einer Massenerscheinung entwickelt; dies beweisen die zahllosen Zeitungsinserate. Für viele Unternehmer ist es sehr schwierig geworden, einen Bankkredit zu bekommen. Die gebotenen Sicherheiten reichen dazu oft nicht aus. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die per Inserat angebotenen „Betriebsmittelfinanzierungen“, „Projektfinanzierungen“ etc. ein entsprechendes Interesse auslösen. Wer wünscht sich nicht, wie dies in den Zeitungsinseraten oft zum Ausdruck kommt, die völlige Unabhängigkeit von der lästigen Hausbank? Wie verlockend klingen die Angebote über ungewöhnlich zinsgünstige Kredite mit sehr langer Laufzeit? Noch dazu wenn die Kredite als „tilgungsfrei“ bezeichnet werden, wenn keine der sonst bei Banken üblichen Besicherungen verlangt werden? So wird beispielsweise ein „Sonderprogramm“ angeboten: Ein Kredit in fast unbegrenzter Höhe mit einer Laufzeit von 20 Jahren, 5% Zinsen p.a., Auszahlung 97%, effektiver Zinssatz 5,150%. Die jährlich im Nachhinein fälligen Zinsen wären in Schweizer Franken zu zahlen. Eine Kapitalrückzahlung sei nicht erforderlich. Diese außergewöhnlichen Konditionen werden damit begründet, dass 50 % der Kreditsumme in erstklassigen Wertpapieren mit einer jährlichen Verzinsung von 6 % angelegt werden. Dadurch werde die Rückzahlung der zweiten Hälfte des Kredites erwirtschaftet. In den Angebotsunterlagen wird mit einem fast entschuldigenden Unterton angeführt, dass „erhebliche Kosten“ von 1,5% des Kredites fällig wären; darin seien die kompletten Vorlaufkosten inklusive Bank-und Notargebühren enthalten. Reagiert ein Unternehmer auf ein derartiges Angebot, wird er zur Überprüfung seiner Unterlagen zu einem bestimmten Termin in einem First-class-Hotel zitiert. Im Hotel läuft dann der „Prüfungsvorgang“ rasch ab. Die erschienen Finanzbetrüger studieren zum Schein die vorgelegten Unterlagen. Im Anschluss daran führen die Betrüger untereinander eine Diskussion, der der Kreditwerber nicht folgen kann. Er versteht weder die verwendeten angeblichen Fachausdrücke noch den Sinn der Debatte (Verwirrungstaktik). Zum Schluss erfolgt von seiten der Kriminellen die Kreditzusage. Ein umfangreicher Vertrag, meist in englischer Sprache, wird von den Beteiligten unterschrieben. Danach wird der Kreditwerber zur Überweisung der vertragsmäßig festgelegten Gebühr, Kaution, Provision etc. veranlasst. Manchmal werden diese Gebühren auch in bar übergeben. Dann beginnt das große Warten. Der versprochene Kredit wird trotz zahlreicher Versprechungen nicht überwiesen. Die Kriminellen operieren geschickt mit Ausreden, Vertröstungen und Zusagen. Anschließend lassen sie sich verleugnen bzw. lösen den Bürobetrieb auf und verschwinden. In vielen Fällen berufen sich die Betrüger auf ihren Status als reine Vermittler und schieben die Verantwortung an irgendwelche Firmen im Ausland ab. Diese Fälle spielen sich zu Tausenden ab. Letzten Endes wird der Verlust vom Opfer abgeschrieben und verdrängt. In vielen Fällen wird auch die Hausbank des Geschädigten in das System des Vermittlungsbetruges ungewollt hineingezogen. Die Finanzbetrüger machen nämlich die Überweisung des zugesagten Kredites an die Hausbank davon abhängig, ob diese Bank diverse Bedingungen erfüllt, wie z.B. die Rücküberweisung von 3% der Kreditsumme an einen Vermittler. Diese vorgetäuschten Bedingungen sollen lediglich für Verwirrung sorgen. Fazit ist, dass der in Aussicht gestellte Kredit nie angewiesen wird. Im System des Vermittlungsbetruges spielen natürlich auch Briefkastenbanken eine wichtige Rolle. In den entsprechenden Angeboten von „Billigkrediten“ ohne Sicherheiten werden oft zur Verwirrung des nachher Geschädigten beispielsweise folgende Erklärungen gefordert:
1.
Zustimmung, dass während der Laufzeit eines 30 Millionen USD –Kredites ein „nicht exekutiver Direktor“ von der Gläubigerbank gestellt wird.
2.
Erklärung, in der sich der Kreditnehmer verpflichtet, den Kredit keinesfalls zur Finanzierung von Waffen- oder Drogengeschäften bzw. zur Finanzierung von Aufständen zu verwenden.


In der Regel bieten Briefkastenbanken unter anderem Finanzpapiere an, die angeblich als Sicherheit dienen sollen. Als Sicherheiten werden angeboten: Promissory Notes, Certificates of Deposit, Stand by Letters of Credit. Die versprochenen Garantien stellen sich als gefälscht oder wertlos heraus. Der Kaufpreis der so genannten Garantien beträgt bis zu 30% des Nennwertes. Im gut organisierten Netzwerk der Betrüger werden die Lieferanten dieser „Garantien“ als „collateral provider“ (Pseudo- Fachausdruck) bezeichnet. In einer anderen Variante des Vermittlungsbetruges täuschen Finanzbetrüger die Kapitalaufbringung durch Aktienemission vor. So wird behauptet, dass bereits eine Firmengründung in den USA den Zugang zum außerbörslichen Aktienmarkt („Over the Counter Market“) eröffnen kann. Diese Hoffnung erweist sich als trügerisch.

Projektfinanzierung

Seit einigen Jahren ist im Zusammenhang mit Finanzierungsangeboten von Großprojekten (Projektfinanzierung) eine bisher noch nicht übliche Scheinbedingung der Finanzbetrüger aufgetaucht, die „Zinszahlungsgarantie“, die der Kreditwerber von seiner Hausbank erbringen soll. Mit der Garantie bürgt die Bank für die jährlich im Nachhinein fälligen Zinsen. Mit dieser Bescheinigung verfolgen die Betrüger die Absicht, die Meinung ihrer Interessenten zu bestärken, dass es sich um ein professionell durchgeführtes Kreditgeschäft handle. Von Seiten der Banken wird das Spiel jedoch nicht immer durchschaut. Die Finanzbetrüger schrecken auch nicht davor zurück, die Finanzierung bzw. Umschuldung von Großprojekten anzubieten. Es betrifft oft Vorhaben mit einem Finanzbedarf in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe. Für die Gewährung eines Hypothekarkredites reichen häufig die gebotenen Sicherheiten nicht aus. Schließlich dürfen die Banken nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz des Schätzwertes diese Art von Kredit gewähren. Der Initiator eines derartigen Megaprojektes ist oft über die „Risikoscheu“ der Banken sehr enttäuscht. In diesem Stadium bieten die Finanzbetrüger ein „tilgungsfreies Immobiliendarlehen“ Pseudoausdruck) an, wobei der später Geschädigte die bereits getätigten Investitionen bezüglich Provisionen, Gebühren, Spesen, Kautionen etc. verliert. Oft arbeiten die Betrüger auch mit dem vorher erwähnten Trick: Sie bieten eine Bankgarantie an, die sich später als gefälscht oder wertlos herausstellt. Selten betätigen sich jedoch Kredit-Vermittlungsbetrüger unter Aliasnamem. Sie legen dem Kreditwerber ein gefälschtes Schreiben einer Bank vor, aus dem hervorgeht, dass der beantragte Kredit bereits bewilligt wurde. Interessanterweise erstatten die auf diese plumpe Weise Geschädigten sehr oft Anzeige gegen unbekannte Täter. Die Schäden betragen in den meisten Fällen um die EUR 10.000,00Der Vermittlungsbetrug kennt zahlreiche Varianten, modi operandi, die nach gewisser Zeit unmodern werden und dann schließlich nach Jahren doch wieder auftauchen. Das „Standardmodell“ stellt der „Billigkredit“ dar, der von einem „Trust“ vergeben wird. Immer wieder ist die Rede von Ölgeldern, vom Vermögen reicher Familien etc. Die Opfer werden nicht selten nach London, Manila, Bangkok usw. gelockt, wo sie die vereinbarungsgemäß vorgesehene Gründung einer Briefkastenfirma und die Vermittlungsprovision bezüglich des Kredites bezahlen müssen. Die Täter kassieren also zweimal. Die Vermittlungsbetrüger begnügen sich oft nicht mit der o. a. im Vorhinein fälligen Provision: Es gibt Fälle, in denen die Geschädigten z. B. 10 bis 30% der Kreditsumme für eine angeblich zur Besicherung des Kredites notwendige Bankgarantie begleichen müssen. Die Bankgarantie stellt sich dann als wertlos oder gefälscht heraus. Auch in Japan blüht der Vermittlungsbetrug. Das angesehene Finanzmagazin „Global Finance“ berichtete in der Ausgabe vom Januar 1996, dass dort laut Schätzungen der Polizei 100.000 dubiose Finanzbroker tätig sind. Der Präsident eines japanischen Chemiekonzerns ging 1994 auf das Angebot eines hochkarätigen Betrügers ein. Der Kriminelle gab vor, einen Nationalfonds mit einem Vermögen von 10 Trillionen Yen zu verwalten. Er stellte einen Milliardenkredit mit 20jähriger Laufzeit, 1,5% p. a., in Aussicht. Die Tilgung des Kapitals und die Fälligkeit der Zinsen waren erst nach 20 Jahren vorgesehen. Der Konzernchef, der den Bau eines gigantischen Verwaltungsgebäudes beabsichtigte, ging auf dieses außergewöhnliche günstige  Angebot ein. Er beauftragte eine Bauträgergesellschaft zum Erwerb von Grundstücken in bester Lage Tokios zum Preis von 82 Milliarden Yen. Als der Präsident merkte, dass er einem Betrüger aufgesessen war, stornierte er das Projekt und trat zurück. Die Höhe des Schadens kann nicht ermessen werden.

„Self Liquidation Loan“
Vor einigen Jahren war der “Self Liquidation Loan”, also ein Kredit, der sich von selbst tilgt, im Angebot der Betrüger zu finden. Dieses „Finanz-Perpetuum Mobile“ wurde auch für Entwicklungsländer wärmstens empfohlen. Die Prämisse des Finanzierungsmodells bietet der „Billigkredit“ in der Höhe von 100-500 Millionen USD mit einer Laufzeit von 10 bis 20 Jahren und einen Tag. (Sämtliche derartige Angebote umfassen eine mehrjährige Laufzeit mit einem Tag zusätzlich, als ob es auf diesen Tag angesichts der langen Dauer ankäme! Der Grund dafür liegt sicherlich in einer Verwirrungstaktik.) Ein Teil des Kredites werde nach Darstellung der Finanzbetrüger höchstverzinst angelegt, etwa in Zerobonds mit einer gleich langen Laufzeit. Auf diese Weise werde die Tilgung der Kreditvaluta nach beendeter Laufzeit gewährleistet. Ein weiterer Teil des Kreditbetrages werde ebenfalls laut Darstellung der Betrüger gewinnbringend veranlagt. Dadurch werden die jährlich fälligen Zinsen erwirtschaftet. Nach dem Abzug von Provisionen und Spesen soll immer noch ein Millionengewinn, der so genannte „fall out“, übrig bleiben; zumindest in der Theorie. Auch in diesem Fall haben es die Täter auf die im Voraus fällige Provision, Gebühren etc. abgesehen. Einige Kreditmodelle der Finanzbetrüger sind so konstruiert, dass der Schuldner einen doppelt so hohen Kredit aufnehmen soll, als er benötigt. Die eine Hälfte dient zum Kauf eines Zerobonds. Der Zerobond soll nach Beendigung der Laufzeit (die der Laufzeit des Kredites entspricht) den gesamten Kredit abdecken. Der Schuldner habe keinerlei Tilgungsraten zu bezahlen, sondern nur die jährlich im Nachhinein fälligen Zinsen. Dabei beziehen sich die Zinsen nur auf die Hälfte des gesamten Kreditbetrages. Auch diese Konstruktion ist natürlich völlig irreal. Die Sollzinsen (Kreditzinsen) sind immer höher als die Habenzinsen.