Die internationalen Finanzbetrüger

 

Die internationalen Finanzbetrüger

Die Heimat des Finanzbetruges ist die USA, Kanada, Südafrika, Australien und England. Vielleicht konnte sich diese Art von Kriminalität in der anglo-amerikanischen Welt deshalb so gut entwickeln, weil hier der Betrug nur in Ausnahmefällen strafbar war. Bis in die fünfziger Jahre gab es eine strafrechtliche Verfolgung nur im Zusammenhang mit Wertpapierbetrug, Urkundenfälschung und bei Vorliegen einer kriminellen Vereinigung (conspiracy). Wie allseits bekannt ist, stammen die wesentlichen Begriffe und Rechtsformen der heutigen Finanzwelt aus dem angloamerikanischen Bereich. Trotzdem ist uns, abgesehen von wenigen Finanzfachleuten, diese Welt noch immer nicht ganz vertraut; hinzu kommt die sprachliche Barriere.

Wir kommen nun zurück auf die Finanzbetrüger. Die in Europa auftretenden größeren Finanzbetrüger sind fast durchwegs Personen, die, wie bereits erwähnt, aus der angloamerikanischen Welt stammen; mitunter sind es auch Europäer, die in diesen Ländern lange Zeit gelebt haben. Abgesehen von wenigen Ausnahmefällen, ist es eine Welt der Männer über die fünfzig. Nicht wenige dieser Berufskriminellen sind noch in einem Alter von siebzig Jahren erfolgreich aktiv. Das Erstaunliche daran ist, dass einige nicht einmal vorbestraft sind. Diese Leute operieren nicht von ihrem Zuhause oder einem Büro aus, sondern von Luxushotels in Monaco, Genf, Zürich, London, Luxemburg etc. Seit der Ostöffnung wird dieser Typ Betrüger auch in Budapest, Zagreb und Prag beobachtet. Die Finanzbetrüger fühlen sich magnetisch zum Bankenmilieu hingezogen. Sie sind äußerst bemüht, höhere Bankangestellte besser kennen zu lernen. Sie investieren oft Monate, um derartige Bekanntschaften aufzubauen. Als durchwegs gute Menschenkenner haben sie einen Sinn für Schwachstellen im Charakterbild, die sie voll für sich nützen wollen. Sie motivieren den Bankangestellten zuerst zu kleinen und dann immer größeren Kompetenzüberschreitungen, Unkorrektheiten und sonstigen Gefälligkeitsdiensten. Eines Tages nützt der Betrüger sein Opfer für einen ganz großen Coup aus. Man hat Jahre hin beobachtet und festgestellt, dass eine Bank in finanziellen Schwierigkeiten immer wieder die bekannten „Internationalen“ wie das Licht die Motten anzieht. Die Finanzbetrüger scheinen auch eine Vorliebe für traditionellen Lebensstil zu haben: sie bevorzugen immer wieder die gleichen Hotels, in denen sie oft monatelang leben. Dort treffen sie ihresgleichen, verabreden sich mit Komplizen und Geschädigten. Die teuren Hotelaufenthalte der so genannten „Internationalen“ werden nicht selten von den Opfern durch die Belastung der Kreditkarten bezahlt. Häufig werden auch Meetings veranstaltet, zu denen Kapitalsuchende aus der ganzen Welt, in der Hoffnung anreisen, einen Millionenkredit von den versammelten Mitgliedern eines „Trusts“ bewilligt zu erhalten. Das jeweilige Rollenspiel der Gauner ist perfekt inszeniert. Bei diesem Treffen sind versammelt:

1.

der „finder“, also diejenige Person, die die zukünftigen Geschädigten gegen Provision („finder`s fee“) an den „Trust“ weiterleitet,

2.

der „internationale Notar“, ein kriminell gewordener Rechtsanwalt oder Notar, der den Vertrag ausgearbeitet hat,

3.

die Vertreter des „Trusts“, einer Briefkastenfirma mit hochtrabendem Namen, eingetragen beispielsweise auf den Turks & Caicos Islands (Karibik). Diese Kriminellen spielen sich als Verwalter eines Milliardenvermögens auf.

4.

der „expert“, ein krimineller Finanzberater: er tritt als unabhängiger Finanzberater auf. In Wirklichkeit ist er jedoch provisionsabhängig.

In der Welt des Finanzbetruges spielen auch kriminelle Treuhänder eine gewisse Rolle. Es handelt sich um Personen, die völlig bewusst als Befehlsempfänger der Verbrecher agieren; den ermittelnden Behörden gegenüber beteuern sie ihre Ahnungslosigkeit. Eine ähnliche Rolle spielen kriminelle Rechtsanwälte und Notare, die sich hinter ihrem honorigen Beruf verbergen. Sie leiten z. B. weisungswidrig das ihnen von Klienten zur Kapitalanlage anvertraute Kapital an die wahren Auftraggeber, die Finanzbetrüger, weiter. Die Anzahl der Rechtsanwälte, die in Organisationen von Finanzbetrügern involviert sind, ist stark im Steigen begriffen. Im Netzwerk der Kriminellen sind auch noch andere Provisionsempfänger tätig, z. B. der „collateral provider“, also diejenige Person, die den Betrügern wertlose Bankgarantien einer Briefkastenbank zur Verfügung stellt. Diese Papiere werden ahnungslosen Kreditwerbern „verkauft“. Der Geschädigte glaubt tatsächlich, dass er mit einer derartigen Garantie, lautend auf 1 Million USD, USD 900.000,00 erhalten könne. Die unterste Kaste der Finanzbetrüger bilden die „runner“ bzw.“[1]gofers“, also die Laufburschen. Sie eröffnen beispielsweise Konten, um gewaschenes Geld abzuholen, dienen als Strohmänner bei Briefkastenfirmen etc. Zu dieser untersten Kaste gehören auch noch tausende Anlage-, Versicherungs- und Bausparberatern, die zum größten Teil als unbewusste Helfershelfer der Finanzbetrüger agieren. Diese Subvermittler haben die Aufgabe, Kreditsuchende mit entsprechendem Eigenkapital und private Kapitalanleger an die „finder“ weiterzuleiten; dafür wird eine entsprechende Erfolgsprovision in Aussicht gestellt. Dieses Heer von Vermittlern zeichnet sich auch für einen Teil der bereits erwähnten speziellen Zeitungsinserate verantwortlich. Es sei jedoch vermerkt, dass diesen Provisionsvermittlern in den meisten Fällen vorerst gar nicht bewusst wird, dass sie ihre Kunden ins Unglück stürzen. Einige dieser Agenten sind gleichzeitig in Strukturvertrieben tätig; dies kann jedoch, wie die Vergangenheit gezeigt hat, für die Vertriebsfirma sogar zum Haftungsproblem werden. Aus diesem Grunde ist der Vertrieb von „Fremdprodukten“ in derartigen Organisationen streng untersagt. Verstöße werden mit fristloser Kündigung beantwortet.

Kehren wir nun wieder zurück zu den eigentlichen Finanzbetrügern. Was verwundert, ist die Tatsache, dass dieser Personenkreis laut Schätzung von Fachleuten zahlenmäßig beschränkt ist. Im Jahre 1971 gab ein verurteilter Finanzbetrüger vor einem Kongress-Hearing in den USA zu, dass die Anzahl dieser einschlägigen Betrüger unter 500 liegt. Nach 20 Jahren erweist sich diese Zahl (bezogen auf Europa) nach Ansicht von Fachleuten noch immer als aktuell. Ein weiteres Indiz für die  Richtigkeit dieser Theorie scheint auch die Anzahl der international gesuchten Betrüger zu sein, die sich nachweislich um die Fünfhundert bewegt. Vor Jahren fand die Polizei in den Unterlagen reisender Finanzbetrüger eine Liste von 300 Personen, von denen über 30% als einschlägig bekannt identifiziert werden konnten. Kürzlich tauchte eine erweiterte Namensliste auf, die in den einschlägigen Kreisen als „FBI-Liste“ vertrieben wird. Mit Sicherheit stammen diese Listen nicht von einer Behörde! Werden Unterlagen von Finanzbetrügern sichergestellt, so stößt die Polizei immer wieder auf dieselben Namen, egal ob die Papiere in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, England oder Tschechien auftauchen. Auch die Verträge weisen untereinander große Parallelen auf. Sogar der modus operandi, also die Arbeitsweise der Kriminellen, gleicht sich sehr. Aufgrund gesicherter Erkenntnisse wurde festgestellt, dass sich die Finanzbetrüger gegenseitig größtenteils kennen. Viele arbeiten sogar für eine bestimmte Zeit zusammen. In den achtziger Jahren wurde beispielsweise ein obskurer „Malteser-Orden“ bekannt. Dieser Phantasieorden hat natürlich nichts mit dem souveränen Orden der Malteserritter zu tun. Es steht jedenfalls fest, dass dieser „Orden“ von Amerikanern und Kanadiern unterwandert war, die in hochkarätigen Finanzbetrug involviert waren. Einer davon war ein Amerikaner aus New Jersey, der sich in seinen guten Jahren mit Gefolge in First-Class-Hotels in Genf, Wien und anderswo mit einem Phantasiepass der „Knights of Malta“ auswies. Üblicherweise haben diese Salongauner einen großen Hang zu käuflichen Adelstiteln und zu Diplomatenpässen, die sie von korrupten Beamten erwerben. Sie fühlen sich sozusagen als eine Elite, die das Recht darauf hat, von Steuerhinterziehern, unredlichen, gierigen und dummen Personen Millionen ausgehändigt zu bekommen. Die oberste Klasse der „Internationalen“ reist natürlich in gecharterten Executive-Jets! Gegenüber dem Hotelpersonal und kleineren Bankbediensteten treten diese Personen sehr selbstbewusst und herrisch auf. Ganz anders verhalten sich diese Upperclass-Betrüger gegenüber ihren späteren Opfern; der Gentleman in höchster Vollendung wird gemimt. Nur eines ist absolut nicht gefragt: Der Geschädigte darf sich nicht beschweren, dass beispielsweise der versprochene Kredit oder das investierte Kapital samt Zinsen noch nicht überwiesen wurde. Die feinen Manieren der Herren Betrüger sind sofort vergessen, und man geht zum Gegenangriff (counter attack) über. Sie werfen dem Opfer Lügen und Nachlässigkeit vor und drohen mit einer Millionen-Schadenersatzklage. Diese psychologische Kriegsführung beinhaltet auch Drohungen mit Strafanzeigen, Pressekonferenzen und Anzeigen beim Finanzamt. Wagt es eine Polizeidienstelle einzuschreiten, droht ihr dasselbe Szenario. Strafanzeigen wegen behaupteter Misshandlung und Gesetzesverletzung sowie Beschwerden an höchster Stelle sind die Folgen. In letzter Zeit wurde bekannt, dass Finanzbetrüger auch vor der Einbringung von Schadenersatzklagen mit einem Streitwert über 20 Millionen USD nicht zurückschrecken. Die Kriminellen haben doch nichts zu verlieren! Außerdem wollen sie ihre Glaubwürdigkeit wieder herstellen und Angst einflößen. Im Falle einer Festnahme  dauert die Untersuchungshaft meistens nicht lange. Bis zum Abschluss der Ermittlungen, die sich häufig über mehrere Länder erstrecken, erfolgt die Freilassung gegen Kaution. Die vorhandenen Beweise reichen fast nie aus, um sofort eine Anklage zu erheben. Das arbeitsteilige Verfahren der Täter hat für diese den Vorteil, dass dem einzelnen, wenn überhaupt, der betrügerische Vorsatz erst nach langwierigen Ermittlungen bewiesen werden kann. Der Finanzbetrüger beteuert immer, dass er selbst betrogen wurde. Großbetrüger aus der angloamerikanischen Welt treten in Europa fast immer mit einem heimischen Lockvogel auf. Es gibt mehrere Gründe, warum sich amerikanische Finanzbetrüger in Europa so wohl fühlen. In den USA besteht nämlich für Bankbetrug Anzeigepflicht. Außerdem machen Behörden wie das FBI, der US Secret Service, der Controller of the Currency und die Securities & Exchange Commission den Betrügern das Leben schwer. Bessere gesetzliche Handhabe und rigorose Geldwäsche-Bestimmungen sowie eine äußerst wachsame Presse sind dem Tun der Betrüger nicht gerade sehr förderlich. In den angloamerikanischen Ländern befassen sich seit längerem spezialisierte Polizeidienststellen mit dem Sammeln und der Analyse von Informationen in Bezug auf organisierte Kriminalität. Aus den dargelegten Gründen ist es nicht verwunderlich, dass diese ausländischen Straftäter ihre Heimat nur als sichere Basis und Rückzugsgebiet betrachten. Sie sind peinlich bemüht, dort keine Straftaten zu begehen („Don’t foul your nest“). So ist Europa ungewollt zum Importeur von Kriminellen geworden. Es wurde jedoch verabsäumt, rechtzeitig entsprechende polizeiliche Ermittlungstechniken und bessere gesetzliche Grundlagen einzuführen. Wir dürfen uns nicht wundern, dass der internationale Betrüger keinen Grund findet, sein luxuriöses Leben aufzugeben. Diese Parasiten sind doch nur der Beweis dafür, dass die soziale Kontrolle nicht ausreichend funktioniert. Mangelnde Anzeigebereitschaft, eine überlastete Polizei und Justiz, liberale Rechtsordnungen, komplizierte und schleppende Rechtshilfeverfahren, fehlende staatliche Aufsichtsbehörden, der Mangel an Fachjournalisten sind nur einige Gründe dafür. Die rechtlichen Schwierigkeiten sind oft unübersehbar. Kompliziert ist beispielsweise die Klärung der Frage nach dem Tatort und der damit verbundenen Zuständigkeit der Gerichte. Zum Beispiel wird in Monaco ein betrügerischer Vertrag zwischen deutschen, britischen und amerikanischen Tätern und einem später geschädigten Schweizer geschlossen. Der Vertrag beinhaltet eine Klausel, wonach das Recht der Turks & Caicos Islands anzuwenden wäre. Der Geschädigte überweist von der Schweiz aus die geforderte „Kaution“ von USD 500.000,00 auf ein Konto in Liechtenstein. Das Geld wird von dort über mehrere Länder gewaschen und dann unter den Komplizen aufgeteilt.